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Andreas Babler: Das Geschäft mit der Empörung

Andreas Babler: Das Geschäft mit der Empörung

Die Bundesregierung hat sich kaum konstituiert, schon geht es der neue Vizekanzler und Medienminister richtig an. Nicht etwa der gebührenfinanzierte ORF und dessen Reform kommen in den Fokus des frisch gebackenen Regierungsmitgliedes, sondern ein Format des Privatsenders ATV, der mittlerweile zum Reich des verstorbenen Medienmoguls und einstigen "Bunga-Bunga"-Königs Silvio Berlusconi gehört, hat es dem Neo-Vizekanzler angetan. Das "Geschäft mit der Liebe" erhält die volle Aufmerksamkeit Bablers.

Ihm missfällt das "offene Zurschaustellen von sexueller Ausbeutung von Frauen" in der Sendung und er will an die ATV-Chefs herantreten. Diese bekommen ob Andreas Bablers authentischer Empörung wahrscheinlich schon ganz weiche Knie – und dies nicht im romantischen Sinne. 

Heinz von Foersters ethisch-kybernetischer Imperativ gegen Hypermoral

Er habe Sendungsausschnitte gesehen, die "sexualisierte Übergriffe verherrlichen". Dieses "offene Zurschaustellen von sexueller Ausbeutung von Frauen hat weder medial im TV noch sonst irgendwo in unserer Gesellschaft etwas zu suchen", schrieb Babler auf X. Dass das erwähnte Format auf ATV sicher nicht nur eine Frage der Liebe, vielmehr des guten Geschmacks ist, sei dahingestellt.

Interessant ist, dass es die kritisierte Sendung bereits seit vielen Jahren gibt, ohne dass diese dem SPÖ-Granden während seiner langen Politkarriere groß aufgefallen wäre. Zumindest hat er seinen Unmut noch nie derart medial untermauert zum Ausdruck gebracht. Und wenn ihm die Anliegen des schönen Geschlechts (bitte nicht sexistisch, hingegen nur als Redewendung verstehen) so am Herzen liegen, sollte er sich ebenfalls sämtliche Inhalte von Netflix, Amazon Prime Video, sowie anderen Medienkonzernen zur Brust nehmen und diese mit seinem sozialdemokratisch-moralischen Bannstrahl belegen. Sonst wirkt die ganze Chose recht aufgesetzt – selbst die damit assoziierte Empörung.

Im ethischen Imperativ "Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!" des österreichischen Physikers, Kybernetikers und Philosophen Heinz von Foerster steckt auch die Erkenntnis, dass Sätze keine Werte haben und dass sich Ethik nicht aussprechen lässt, denn sonst wird sie zur Moral. Ethik ist, wenn man sich selbst etwas sagt. Diese Weisheit eines der Begründer der erkenntnistheoretischen Schule des Radikalen Konstruktivismus sollte sich der SPÖ-Chef vielleicht zu Herzen nehmen.

Und wenn der neue Vizekanzler schon so tief in der metaphysischen Materie steckt, dann wird er sicher nicht nur die privaten Sender und Medien genau analysieren, sondern ebenso erbarmungslos sämtliche Schwachstellen in anderen Medienanstalten öffentlichkeitswirksam aufs mediale Parkett bringen. Denn hier geht es um Werte in der durch von Foerster definierten Ethik, die nicht nur mit dem Zeigefinger zur Schau gestellte (Hyper-)Moral ist.

 

Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.